UNSUI, Wasser und Wolken
UNSUI, Wasser und Wolken
Monica von Rosen
UNSUI - Wolken und Wasser
Luzern: Edition Scala 2007
Bestellung unter kulturfokus@yahoo.com
REZENSION VON DR. A. STEINMETZ OPPLELLAND 30.3.08
Stände nicht das Prinzip der stetigen Veränderung, des sich
ständig im Fluß Befindlichen im Mittelpunkt von Werk und Leben
der Fotografin Monica von Rosen, man möchte angesichts ihres
jüngsten Fotobuches vermuten, ein Zielpunkt, eine Reifestufe im
Werk sei nun erreicht. Sie müsse „nicht mehr weit reisen, um
existentiellen Fragen nachzugehen. Vergangenes ist gegenwärtig,
Zukünftiges angelegt, alles verschwindet, nichts geht verloren“
fasst Tatjana Myoko von Prittwitz mit Blick auf das Oeuvre der
Künstlerin zusammen. Damit ist die transzendent intendierte
Perspektive dieses Schaffens umrissen: Im Mittelpunkt steht
nichts weniger als die zentrale Frage nach dem Sein.
Nach dem im Jahr 2004 erschienen Fotobuch Am Anfang war der
Blick, das als Biografie und Resümee des Werkes angelegt war,
geht es nun um einen scheinbar enger gefassten Themenkreis: Über
einen Zeitraum von zwei Jahren, von 2005 bis 2007 fotografierte
Monica von Rosen am See Båven in Schweden. Der See spielt eine
besondere Rolle in ihrer Biografie. Er liegt in der Nähe des
Gutes Rockelstadt, dem Familiengut, das ihr während ihrer
Kindheit Flucht- und Ruhepunkt war. Nach dem Tod ihrer Schwester
Christel Eklöf fotografierte Monica von Rosen noch einmal an
diesem für sie mit Erinnerungen bereicherten Ort und schuf eine
Serie von Wasserbildern, die als Unikate auf Leinwand gedruckt
wurden. In dem vorliegenden Band werden sie zusammen mit zwei
ausführlichen Essays in einem umfassenden Zusammenhang
vorgestellt.
Monica von Rosens Werk ist sehr vielseitig – ein Ergebnis der
Offenheit, die als Prinzip ihrer Arbeit zugrunde liegt. Ihre
Bilder leben von Poesie, aber auch von Drastik und Beunruhigung,
andere wieder scheinen fast dokumentarisch oder sachlich. Allen
gemeinsam aber ist eine bestimmte Aura, die man nicht anders als
mit Magie bezeichnen kann. Immer versteht sie es, mit ihrem
Blick durch die Kamera ein Geheimnis aufzuzeigen. Das gilt
besonders für die Bilder von See Båven. Es sind keine
Dokumentarfotos, die den See im Sinne einer topographischen
Aufnahme mit seinen Eigenheiten und Besonderheiten abbilden.
Eigentlich könnten sie auch an jedem anderen Gewässer
aufgenommen sein, hätte der See nicht für Monica von Rosen jene
besondere Bedeutung, die ihn zum Seelenspiegel, zu einem
Reflexionsfeld macht. Es sind meistens Details, Kleinigkeiten,
die sie erfasst und durch bewusste Wahl des Ausschnitts groß
macht: Das können Blätter, Gräser, Wassertropfen sein, aber auch
Lichtreflexionen, Schatten oder Spiegelungen. Schon die
ungewöhnliche Perspektive verfremdet und stimuliert die
Wahrnehmung. Zusätzlich werden die Dinge dann durch die
nachträgliche (digitale Bearbeitung) buchstäblich in ein anderes
Licht gerückt. Bestimmte Partien werden farblich verändert,
einige herausgehoben und das Spektrum des Sichtbaren über die
Grenzen der regulären Wahrnehmung hinaus erweitert. Monika von
Rosen stellt sich damit in die Tradition jener Fotografen, die
in den 1950er Jahren die subjektiv-visionäre Gestaltung mit dem
aufzeichnenden Bild der Kamera verbunden haben.
Ein weiteres gestalterisches und inhaltliches Element kommt
hinzu: Großen Einfluss haben offensichtlich
Kompositionsprinzipien, Bildauffassung und Ausdrucksgehalt der
ostasiatischen Kunst: Perspektive und Tiefenraum spielen kaum
eine Rolle, die Bildgegenstände sind in die Fläche geordnet, die
ihnen in allen Partien gleiche Bedeutung zukommen lässt. Nichts
ist Staffage im Hintergrund, alles ist gleichermaßen wichtig.
Oft ist das Zentrum eines Bildes leer und der kompositorische
Schwerpunkt ist spannungsvoll aus der Mitte gerückt. Die Linie
als grafisches Element wirkt im Wechselspiel zu großen, atmenden
Fläche und hat manchmal den Charakter zarter Kaligraphien,
manchmal die Anmutung stiller Großartigkeit. In anderen Bildern
bilden unergründliche Strukturen, die kaum endgültig erfasst
werden können, Bereiche, in die sich der Betrachter gedanklich
versenken kann. In der Beschränkung auf wenige Bildelemente wird
Konzentration und Sammlung der Energie erreicht.
Neben ostasiatischen Bild- und Gedankenkonzepten klingt auch die
Romantik mit ihrer deutschen und skandinavischen Tradition in
Monica von Rosens Bildern nach. In der lyrischen Einfühlung in
die Natur spiegelt sich nicht nur die Seele von Künstler und
Betrachter. Wenn die Natur mit ihren Geheimnissen und ihrem
Zauber dargestellt wird, in der alle Dinge als beseelt begriffen
werden, wird die Annäherung an das Geheimnis der Welt, der
gesehenen wie der geahnten formuliert.
Die Seebilder werden ergänzt um Fotografien aus anderen, auch
älteren Werkgruppen. Sie runden den Bilderzyklus ab, jedoch
nicht im dekorativ-ästhetischen Sinn, sondern weil das Werk der
Künstlerin als Gesamtheit begriffen wird, in dem Jüngeres nicht
ohne Vorangegangenes zu verstehen ist. Vor einem Lebensmodell,
mit dem sich Monica von Rosen ausdrücklich als eine auf dem Weg
Befindliche bekennt, kann eine scharfe Abgrenzung in
Werkabschnitte keine Gültigkeit haben. Auch schaffen formale
Bezüge Querverbindungen zwischen Bildern aus unterschiedlichen
Zusammenhängen und vermeiden einfache, naheliegende Deutungen:
Das Bild einer Wasseroberfläche hat z.B. gestalterisch und nach
seinem Empfindungswert auch mit der verfremdeten
Landschaftsstruktur Irak 248003 – plötzlich in blendender Helle
zu tun. So macht die Auswahl der Bilder offenkundig, dass
Abgrenzungen Monica von Rosens Werk wesensfremd sind. Alles
hängt mit allem zusammen, alles ist aufeinander bezogen – eine
Vorstellung aus dem Buddhismus, die in der Lehre von der All-
Einheit formuliert wird. Vor diesem Hintergrund erhält das
Begriffspaar Wolken und Wasser, das dem Buch vorangestellt ist,
seine Bedeutung. Wolke und Wasser sind zwei in dem japanischen
im Wort unsui zusammenhängende Begriffe, die auch Mönch bedeuten
können. Es ist weniger ein Buchtitel als ein
Interpretationshorizont, denn es geht ja nicht um Abbildungen
von Wolken und Wasser im landläufigen Sinne.
In dem Essay Von der Selbsterforschung zur Selbstvergessenheit –
eine Reise ins Universum geht Tatjana Myoko von Prittwitz den
Bezügen zum Zen-Buddhismus in Monica von Rosens Werk nach.
Ausführlich betrachtet sie den Weg des Werkes auch vor dem
biographischen Hintergrund der Künstlerin und zeigt die
vielfältigen Aspekte buddhistischer Lehre und ihren Reflex in
den Fotografien auf. Sie erläutert außerdem als parallele
Erscheinung die Bezugnahme auf den Buddhismus im Werk von Joseph
Beuys.
Ausgehend von wahrnehmungstheoretischen Überlegungen über die
Natur der Bilder legt Marion Strunk in ihrem Beitrag Ganz oben
schwimmen, wo das Wasser leicht und luftig ist die
Wechselbeziehungen zwischen Subjektivität im Blick der
Fotografin und der Erschaffung von Zeichen dar, die eine
magische Kraft auch auf den Betrachter ausüben. Sie zeigt, wie
die Künstlerin in erster Linie nicht das Gegenüber der Kamera,
sondern ihr eigenes Ich abbildet und durch Abstraktion einem
übergeordneten Sinn zuführt.
Will man den Band einem Gattungsbegriff zuordnen, stößt man auf
begriffliche Schwierigkeiten, die wohl durchaus beabsichtigt
sind. Die übliche Bezeichnung „Bildband“ möchte man auf jeden
Fall vermeiden, denn er wird der Wertigkeit der beiden Essays
innerhalb des Ganzen nicht gerecht. Keinesfalls haben sie nur
erläuternd-dienende Funktion. Obwohl stets im engen Bezug zu den
abgebildeten Bildern wie auch zum Gesamtwerk Monica von Rosens,
haben beide Texte als literarisch ambitionierte Erörterungen
eine Eigenständigkeit, die sie den Bildern gleichwertig zur
Seite stellt, anstatt sie lediglich als Information im
Hintergrund anzubieten. Leichte Kost zu schönen Bildern wollen
sie offensichtlich nicht sein, sondern Impulse zum Nach- und
Weiterdenken vermitteln. Vor ernsthaften und tiefsinnigen
Reflexionen sind weder die Fotografin mit ihren Bildern noch die
Autorinnen zurückgeschreckt. Insofern ist auch der Begriff
„Mediationsbuch“ nicht angebracht, denn der Band hat nichts zu
tun mit der Flut von Geschenkbändchen, die mit oberflächlich-
gefälligen Bildern seit Jahren den Büchermarkt überschwemmen.
Keine gängige Kategorie passt für diesen auch gestalterisch
anspruchsvoll gemachten Band, so wie ja auch schon das 2004
erschienen Buch Am Anfang war der Blick als Bildpartitur und
nicht als Katalog oder Biografie bezeichnet worden ist. Die
Einordnung bleibt Betrachter und Betrachterinnen sowie Leser und
Leserinnen selbst überlassen.